Machtvolle Bewerter - Rating-Agenturen

Wenn die Rating-Agenturen Moody's, Standard & Poor's oder Fitch, mit einem Marktanteil von knapp 95 Prozent die drei Großen der Branche, ihre Bewertung veröffentlichen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Unternehmen oder Staaten ihre Schulden nicht zurückzahlen können, hat das immer Folgen. Wie groß ihre Macht ist, bekommt aktuell auch die europäische Währungsunion zu spüren.

01.11.2011
Bundespressedienst/jr

Für ihre Bonitätseinschätzungen verwenden Rating-Agenturen Buchstabencodes. Damit signalisieren sie dem Finanzmarkt, wie es um die finanzielle Stabilität eines Unternehmens oder eines Staates bestellt ist. "AAA" (auch Triple-A genannt) ist bei allen drei [/en]Rating[/en]-Agenturen die Bestnote und gibt an, dass sie das Risiko, Kreditnehmern Geld zu leihen für praktisch Null halten. Im Jänner 2011 hat etwa Moody's das Triple-A-Rating für Österreichs Staatsanleihen wieder bestätigt. Die feinere Unterteilung der Rating-Codes variiert von Agentur zu Agentur. Ab Ba1 beziehungsweise BB+ beginnt der spekulative Bereich – auch "Ramschstatus" (englisch: Junk) genannt. C (bei Moody's) bzw. D (Standard & Poor's, Fitch) bedeutet einen erwartbaren Zahlungsausfall des Schuldners.

Die Auswirkung dieser Buchstabencodes auf die Finanzmärkte ist enorm, denn ohne Rating geht fast gar nichts mehr. Mit ihrem Rating haben Moody's, Fitch und Co. Einfluss darauf, zu welchen Konditionen sich ein Schuldner am Kapitalmarkt Geld besorgen kann. Wer Geld vom Kapitalmarkt will, braucht ein Rating. Je schlechter die Bonitätsnote, umso teurer wird es für ein Unternehmen oder eben einen Staat, Kredite zu bekommen. Gravierend sind die Folgen, wenn ein Rating auf Ramschstatus rutscht: Institutionelle Investoren wie Versicherer oder Pensionskassen dürfen per Gesetz als derart unsicher bewertete Anleihen nicht kaufen, sondern nur in Wertpapiere mit der Bestnote AAA (Triple A) investieren. Die Herabstufung eines Staates auf Junk-Niveau (wie etwa im Falle Griechenlands) bewirkt damit häufig einen massiven Verkauf der zugehörigen Staatsanleihen und damit steigende Renditen. Im schlimmsten Fall kann das Land kein Geld mehr auf den internationalen Finanzmärkten aufnehmen und Investoren bleiben aus.

Wie die Bonitätseinstufung zustande kommt, ist jedoch ein wohl gehütetes Geheimnis der Rating-Agenturen und genau einer der großen Kritikpunkte ihrer Gegner. Dabei geht es um Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Bewertung. Wo hört die Mathematik auf und beginnt die Meinung? Welche Informationen die Banken den Experten bei Standard & Poor's, Moody's und Fitch zur Verfügung stellen, offenbaren beide Seiten nicht, sie verweisen stattdessen darauf, dass sie über Kundenbeziehungen nicht öffentlich reden würden. Umstritten ist diese mangelnde Transparenz des Rating-Prozesses jedenfalls schon seit längerem.

Nicht blind vertrauen

"Rating-Agenturen hinken mit ihren Bewertungen hinter Entwicklungen her", sagt Ekkehard Wenger (BWL-Professor in Würzburg) in einem Interview mit dem deutschen Wochenblatt "Der Spiegel". "Gerade in Krisenzeiten, ob bei Betrieben oder in gesamtwirtschaftlicher Sicht, sind diese Agenturen nicht in der Lage, frühzeitig korrekte Bewertungen abzugeben." Erst nachdem die Kurse gefallen seien, würden auch die Bewertungen herabgestuft. "Aus meiner Sicht sind Bewertungen von Rating-Agenturen nicht sonderlich nützlich", wird Wenger im Nachrichtenmagazin zitiert.

Statt den Risikoabschätzungen der Agenturen blind zu vertrauen, sind sie vielleicht eher als Orientierungshilfe für Investoren einzustufen, da sie auch trotz Rating-Bestnoten nicht vor bösen Überraschungen schützen. So hatten etwa Standard & Poor's, Moody's und Fitch im Vorfeld der jüngsten Finanzkrise die US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Pleite 2008 einen Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise darstellte, lange Zeit viel zu positiv bewertet. Investoren habe man in falscher Sicherheit gewogen, die Agenturen hätten zu spät reagiert und damit Mitschuld an der Weltfinanzkrise, so die anschließenden Vorwürfe. Auch in der europäischen Schuldenkrise gelten die einflussreichen Prognosensteller längst als Teil des Problems. Doch während sie in der Finanzkrise 2007 zu lange still blieben, verurteilen kritische Stimmen die Herabstufung der Euro-Länder wie Griechenland, Portugal und Irland als "zu schnell".

Keine Verantwortung, kaum Kontrolle

Trotz ihres Versagens wurden die Agenturen nicht zur Verantwortung für ihre Fehlurteile gezogen. Sie würden lediglich Prognosen abgeben, verteidigen die genannten großen Agenturen ihre falschen Einschätzungen und beriefen sich auf das Recht der freien Meinungsäußerung.

Kritiker werfen den Agenturen zudem Interessenskonflikte vor, da sie oft von den Schuldnern bezahlt werden, deren Produkte sie bewerten. Denn wer beißt schon die Hand, die einen füttert?

Ebenfalls kritisiert wird ein "Scheuklappenblick" der Rating-Agenturen. Sie würden sich bei ihren Bewertungen auf einzelne Unternehmen und einzelne Staaten konzentrieren, dabei jedoch den globalen Zusammenhang vernachlässigen. Ein Faktor, der beispielsweise Griechenland zum Nachteil erwuchs. Statt die Kreditwürdigkeit des EU-Landes auf Basis der von EU und Internationalem Währungsfonds zugesicherten Milliarden-Notkredite sowie des Athener Sparprogramms neu zu bewerten, halten die Rating-Agenturen den Daumen für Hellas weiter gesenkt.

Kein Wunder, dass in Europa der Ruf immer lauter wurde, den Einfluss des US-Rating-Triumvirats zu brechen. Denn trotz ihrer enormen Macht mangelte es an einer effektiven Kontrolle der Rating-Agenturen. Dies wollte man in der EU ändern. Seit 1. Juli 2011 ist die europäische Wertpapieraufsicht ESMA alleiniger Aufseher über die Rating-Agenturen in Europa. Sie etablierte klare Standards für Risikobewerter – etwa die Offenlegung aller Informationen und Methoden, die beim Rating-Prozess verwendet wurden. Auch Agenturen aus Drittstaaten müssen von der ESMA lizenziert werden. Nur dann können ihre Ratings in Europa auch genutzt werden. Seit Ende Oktober sind auch die Rating-Riesen & Poor's, Moody's und Fitch registriert.

Links